Marfa: Texas weit draußen

Einfach mal zum Big Bend Nationalpark fahren, das geht nicht. Der Weg stellt den Reisenden auf eine Probe. Texas ist hier draußen ungezähmt und vor allem unbegrenzt. Die Straße läuft ziemlich schnurgerade. Das Auge des Fahrers fixiert Punkte in der Entfernung, einen Felsen etwa oder einen Ölbohrturm und wenn dieser erreicht ist, dann liegt dahinter genau das gleiche Bild wie davor. Karges Grün in steinigem Wüstenboden; Leitungsmasten und Zäune, die irgendwo anfangen, aber nie aufhören; manchmal einus90-bei-marfa Briefkasten, herausgerissen aus jedem erkennbaren Zusammenhang. Entgegenkommende Autos sind eine Abwechslung, ein Truck ist ein Ereignis.

Endlos erscheinende Meilen muss man reisen. Von Dallas nach Terlingua am Rand des Nationalparks zum Beispiel sind es rund 950 Kilometer und selbst
das ist eine Geisterstadt. Die Orte, die manchmal entlang der Strecke auftauchen, sind unscheinbar und bestehen oft nur aus ein paar Trailern in loser Formation. Irgendwann komme ich an den Punkt, an dem ich mich über den Anblick einer Tankstelle freue.

Der Highway 67 führt aus Richtung Süden auf einen dieser Punkte in der Landkarte zu, Marfa. Die Aussicht auf einen Getränkeautomaten lässt mich die Tachonadel ein bisschen weiter schieben als erlaubt. Dann kommt der Ort, man ist gleich mittendrin und sofort bin ich munter, erwacht aus der Lethargie des immer Gleichen. Das hier ist anders. Marfa hat beim besten Willen nichts Spektakuläres, aber etwas hebt diesen Ort von den anderen ab, auch wenn ich nicht gleich verstehe, was es ist.

Beim Abbiegen auf die Highland Street wird es dann klar. Vor mir liegt ein stattliches Gebäude mit Türmchen und Kuppel, so wie man in den USA gern die Gebäude baut, die wichtig aussehen sollen. Dieses hier aber wirkt völlig überdimensioniert, schon allein deshalb, weil die Bauwerke, die ich in den letzten Stunden gesehen habe, eigentlich ausschließlichmarfa mobile homes waren. Aber auch, weil einfach niemand zu sehen ist. Kein Mensch ist auf den Straßen, durch die ich fahre und es fährt kaum ein Auto. Aber die Straßen sind breit, viel zu breit und ebenso wie die Fassaden der anderen Gebäude in der Stadt sind sie vollkommen sauber und eigentlich viel zu ordentlich. Marfa bietet einen komplett anderen Anblick als alles im Umkreis von vielen hundert Meilen in West-Texas. Man kann diese Region guten Gewissens als abgelegen bezeichnen, aber Marfa sieht aus, als sei seine Hauptstraße eine Filmkulisse; und zwar eine, die eine wesentlich größere Stadt darstellen soll.

Tatsächlich sind hier schon Filme gedreht worden, „Giganten“ zum Beispiel, mit James Dean. Auch „No Country for Old Men“ wurde 2006 hier gedreht, der Film bekam vier Oscars. Knapp 2000 Menschen sollen hier leben, die ich allerdings nicht zu sehen bekomme. Marfa ist die Hauptstadt des Presidio County, das sich über die weiten Ebenen in der Umgebung und an der mexikanischen Grenze entlang hinstreckt; in dem gerade einmal 8000 Menschen gemeldet sind und das dem Pro-Kopf-Einkommen nach zu den ärmsten Landstrichen im ganzen Land zählt. Die Funktion als County-Hauptstadt erklärt die Existenz des für diese Gegend ungewöhnlich schmucken Verwaltungsgebäudes mit der Kuppel. Dass es so groß ausgefallen ist und die Straßen so breit und dass ich ein elegantes Hotel mit weißen Markisen erblicke, liegt aber wohl vor allem daran, dass man sich hier irgendwann mal mehr von der weiteren Entwicklung versprochen hat.

Marfa ist in den 1970er Jahren zu einer Künstlerkolonie geworden und hat zuletzt wieder eine neue Welle zeitgenössischer Künstler angezogen, die im Ort Galerien und Werkstätten betreiben; auch diese sind in West-Texas ein eher nicht erwarteter Anblick. So hat die kleine Stadt aber wenigstens noch weitere Sehenswürdigkeiten außer dem, was als „Marfa Lights“ bekannt geworden ist. Dabei handelt es sich um obskure Lichtspiegelungen irgendwo draußen in der Wüste, die zwar noch nie abschließend erklärt worden sind, die aber wahrscheinlich nur seltsam reflektierte Autoscheinwerfer sind.

Wenn man Marfa wieder verlassen hat, ein paar Meilen außerhalb, folgt dann der Anblick, der diesen Ort, der eigentümlich faszinierend ist, abschließend charakterisiert und kennzeichnet. Hier draußen, in der Wüste, wo es eigentlich den ganzen Tag über so aussieht, als ob bald die Sonne untergeht; hier draußen hat ein skandinavisches Künstlerduo 2005 ein Gebäude errichtet, das aussieht wie ein Prada-Geschäft. „Prada Marfa“ wirkt so unwirklich in seiner Umgebung aus Staub und Gestein, als sei es aus einer anderen Welt hierher geworfen worden. Also ein bisschen so wie Marfa.

 

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